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Sobald Du ein Baby bekommst, kommen in Deinem Leben ganz neue Fragen auf und plötzlich beschäftigen Dich Themen, an die Du vorher niemals gedacht hättest. Das ist eine tolle, spannende Zeit, aber wir verstehen auch, wenn Dir irgendwann der Kopf brummt! Wir bei LILLYDOO glauben, dass Du sicher die richtigen Entscheidungen für Dich und Deinen kleinen Entdecker treffen wirst. Aber auch, dass es nicht schaden kann, Dir hin und wieder Rat von Menschen zu holen, die sich täglich mit diesen Fragen beschäftigen und Fachleute auf ihrem Gebiet sind. Deshalb möchten wir in dieser Artikelreihe Expertinnen und Experten die Fragen rund um Schwangerschaft, Geburt und Elternsein stellen, die uns allen durch den Kopf gehen.

Vielleicht hast Du in der KiTa, auf dem Spielplatz oder in den sozialen Medien auch schon von bindungsorientierter Elternschaft gehört oder gelesen. Doch was genau ist das eigentlich? In diesem Artikel erfährst Du, was hinter dem Erziehungsmodell steckt und worauf es beruht. Autorin und Expertin Nora Imlau beantwortet außerdem die wichtigsten Fragen rund um das Thema bindungsorientierte Elternschaft und gibt praktische Tipps, wie man sie im Familienalltag umsetzen kann. Das Konzept der bindungsorientierten Elternschaft ist noch gar nicht so alt: Es beruht auf der in den 1980er Jahren entstandenen Erziehungslehre „Attachment Parenting“ des amerikanischen Kinderarztes William Sears. Um die bindungsorientierte Elternschaft zu verstehen, ist es daher hilfreich, zunächst einen Eindruck davon zu bekommen, was Attachment Parenting eigentlich ist.

Attachment Parenting

Was ist Attachment Parenting?

Das wichtigste Prinzip des Attachment Parenting ist die positive Bindung zwischen Eltern und Kind. Sie soll durch das maximal responsive und zugewandte Verhalten der Eltern (und besonders der Mutter) auf die kindlichen Bedürfnisse erreicht werden, also der Bereitschaft, auf alle Bedürfnisse und Kommunikationsversuche des Kindes einzugehen. Die Basis des Attachment Parenting bilden dabei die sogenannten „7 Baby-Bs“, die auf den Grundbedürfnissen des Babys beruhen:

  1. Birth Bonding: Der sofortige Haut- und Augenkontakt zwischen Mutter und Kind nach der Geburt

  2. Breastfeeding: Das Stillen nach Bedarf

  3. Babywearing: Das möglichst häufige Tragen des Babys

  4. Bedsharing: Das gemeinsame Schlafen im Familienbett

  5. Belief in Baby’s Cries: Das Ernstnehmen von Babys Schreien als Ausdruck seiner Bedürfnisse

  6. Beware of Babytrainers: Ablehnung von Schlaftraining

  7. Balance and Boundaries: Das Wahrnehmen eigener Bedürfnisse und die Beachtung eigener Grenzen

Darüber, wie wichtig ein liebevolles Umfeld und körperliche sowie emotionale Nähe für die gesunde Entwicklung eines Kindes sind, sind sich wohl die meisten Eltern einig. Trotzdem wird das Erziehungskonzept Attachment Parenting häufig kontrovers diskutiert. Individuelle Entscheidungen wie natürliche Geburt statt Kaiserschnitt, Familienbett statt Babybett oder Stillen statt Flaschennahrung würden im Attachment Parenting zu dogmatischen Grundsätzen, so der Vorwurf. Statt die Beziehung zwischen Eltern und Kind zu fördern, vermittle das Erziehungskonzept damit besonders Müttern häufig ein schlechtes Gewissen und sei tendenziell frauenfeindlich, lautet die Kritik.

Bindungsorientierte Elternschaft

Was ist bindungsorientierte Elternschaft?

Im Deutschen wird Attachment Parenting häufig mit bindungsorientierter Elternschaft übersetzt. Auch wenn Parallelen bestehen, beruht die bindungsorientierte Elternschaft jedoch nicht auf einem klaren Regelwerk, sondern will vielmehr einen Leitfaden zur Orientierung im Familienleben bieten.

Foto von Nora Imlau, Autorin und Expertin für bindungsorientierte Elternschaft.

Die Autorin und vierfache Mutter Nora Imlau schreibt vor allem über Familienthemen und ist eine bekannte Vertreterin der bindungsorientierten Elternschaft. Im Interview hat sie uns die wichtigsten Fragen rund um das Thema beantwortet und erklärt, wo der Unterschied zum Attachment Parenting liegt.

Warum ist Bindung für Kinder gerade im ersten Lebensjahr so wichtig?

Weil in dieser Zeit das Urvertrauen entsteht, das Kinder durchs gesamte Leben trägt. Eine sichere Bindung als Basis ist der beste Ausgangspunkt für ein gelingendes Leben.

Gibt es einen Unterschied zwischen Attachment Parenting und bindungsorientierter Elternschaft?

Für ersteres gibt es eine klare Definition durch William Sears, das zweite ist mehr ein Sammelbegriff, der je nach Absender unterschiedlich verwendet wird. Gemeinsamkeit ist das Ideal, die Eltern-Kind-Beziehung so zu gestalten, dass das alltägliche Miteinander einer sicheren Bindung zuträglich ist.

Bindungsorientierte Elternschaft ist mittlerweile vielen Mamas und Papas ein Begriff – gleichzeitig wird das Thema kontrovers diskutiert. Was bedeutet bindungsorientierte Elternschaft für Dich?

Ich habe ein sehr offenes Verständnis von bindungsorientierter Elternschaft. Für mich ist das kein Katalog, den man erfüllen muss, sondern eine Grundhaltung: Mein Kind ist ein vollwertiger Mensch und unser Umgang miteinander soll von Wertschätzung und Respekt allen Familienmitgliedern gegenüber geprägt sein. Dazu zählt für mich die Achtung kindlicher Bedürfnisse, wie dem nach Nähe und Geborgenheit, aber auch Raum für die Bedürfnisse der Großen. Bindungsorientierte Elternschaft definiert sich für mich nicht über Stillen, Tragen, Familienbett und den Verzicht auf jedwede Betreuung außerhalb der Familie in den ersten Jahren.

Viele frischgebackene Eltern sind sicher froh darüber, einen solchen „Leitfaden“ als Orientierung zu haben, andere fühlen sich vielleicht auch verunsichert, weil sie nicht alle „Regeln“ umsetzen können. Was würdest Du diesen Eltern mit auf den Weg geben?

Dass es keine Regeln gibt. Sondern eine Haltung, die Kindern wie Eltern Halt und Kraft geben kann, weil sie keine Erziehungstricks in den Mittelpunkt stellt und keine Machtkämpfe inszeniert, sondern sagt: Entscheidend ist immer, wie es allen in der Familie miteinander gut gehen kann.

Soweit die Theorie – doch wie sieht die bindungsorientierte Elternschaft nun ganz praktisch im Babyalltag aus? Das norwegische Traditionsunternehmen Stokke hat eine Online-Befragung unter 1000 Eltern durchgeführt und dabei spannende Einblicke zu den Themen Nähe, Familientisch, Beikost, Schlaf, Nachhaltigkeit und Kaufverhalten gewonnen. Das Ergebnis: Viele Eltern wünschen sich mehr Nähe zu ihrem Kind. Gleichzeitig sind viele frischgebackene Mamas und Papas verunsichert, wenn es etwa um Babyschlaf oder Beikosteinführung geht. Nora Imlau erklärt, wie Eltern die bindungsorientierte Elternschaft für sich und ihre Familie im Alltag umsetzen können, ohne sich dabei unter Druck zu setzen, und verrät, warum das Miteinander dabei wichtiger ist als Perfektion.

Schlafen ist ein wichtiges und häufig emotionales Thema. Zwei Drittel aller befragten Eltern sagen, dass ihr Baby in ihrer Nähe besser schläft und gut 67 Prozent der Kinder bis zwei Jahre schlafen in der Nähe ihrer Eltern (im Familienbett oder im eigenen Bett im Elternzimmer). Gleichzeitig haben 33 Prozent der Eltern schon in irgendeiner Form ein Schlaftraining mit ihrem Kind ausprobiert. Was ist Deiner Meinung nach wichtig beim Thema Schlafen?

Ganz wichtig ist, sich von der Angst vor dem Verwöhnen frei zu machen. Kinder werden nicht unselbstständig, wenn wir ihr Bedürfnis nach Nähe und Geborgenheit erfüllen. Im Gegenteil: Erfüllte Bedürfnisse machen stark. Und wer als kleines Kind nah bei den Eltern schlafen durfte, tut sich später leichter mit dem Schlafen im eigenen Bett. Mit einem flexiblen Bett wie dem Sleepi von Stokke lässt sich sogar beides kombinieren – erst als Stubenwagen oder Beistellbett in der Nähe der Eltern, bleibt es später der gewohnte Schlafort im eigenen Zimmer.

20 Prozent der Eltern sagen, dass sie ihrem Kind gerne näher wären. Die häufigsten Antworten auf die Frage, was sie gerne tun würden, um die Beziehung zu ihrem Kind zu verbessern sind gemeinsame Ausflüge, Reisen, Schmusen und gemeinsames Essen. Hast Du Ratschläge für Eltern, wie sie auch im teils hektischen Alltag die Bindung zu ihrem Kind stärken und Nähe aufbauen können?

Oft braucht es gar nicht so aufwändige Aktionen, um einander nah zu sein. Sehr einfach und verbindend sind zum Beispiel Bettkantengespräche, kurze Momente am Familientisch, in denen wir uns über den Tag austauschen, kuscheln, Aufmerksamkeit füreinander haben. Nähe entsteht letztlich immer dann, wenn unsere Kinder das Gefühl haben, dass wir uns für sie und ihr Leben interessieren und Zeit für sie haben. Und aus dieser Nähe erwächst Verbundenheit, die den Kindern Selbstvertrauen für ihr weiteres Leben schenkt.

Was gibt es bei einem bindungsorientierten Beikoststart zu beachten?

Dass beim Essenlernen ganz viel Kommunikation im Spiel ist. Kinder zeigen genau, wann sie bereit sind für die ersten Happen, ob sie gefüttert werden oder lieber selbst essen wollen. Jede Form von Druck und Zwang ist dabei kontraproduktiv. Schön sind hingegen gemeinsame Mahlzeiten, bei denen wir am Familientisch zusammensitzen, in Kontakt sind und gar nicht so genau darauf achten, wie viel das Kleine wirklich isst. Weil wir es einfach genießen, diese Zeit miteinander zu verbringen.

Für viele Eltern und Kinder bedeutet die Mahlzeit am Familientisch eine Zeit des gemeinsamen Zusammenkommens als Familie. Doch jeder dritte Elternteil findet das Essen mit Kind auch mal stressig und kommt selbst nicht in Ruhe zum Essen. Was können Mamas und Papas beachten, damit gemeinsame Mahlzeiten für alle Beteiligten entspannter werden?

Der Esstisch sollte kein Erziehungsschauplatz sein. Hier geht es erstmal nicht um Höflichkeit und schicke Manieren, sondern um das Miteinander. Viele Eltern kommen selbst besser zum Essen, wenn sie ihr Kleines selbst essen lassen, das geht nämlich meist langsamer als füttern. Was dabei hilft, ist eine gewisse Toleranz gegenüber Matscherei und Flecken. Kinder wollen Lebensmittel mit allen Sinnen erkunden, das ist ganz normal. Je entspannter wir dabei bleiben, desto besser ist die Stimmung bei Tisch.

Vielen Dank an Nora Imlau für das Interview und die spannenden und aufschlussreichen Einblicke ins Thema bindungsorientierte Elternschaft. Mit einem Rat an alle Eltern, die sich fragen, ob das Erziehungskonzept auch etwas für sie ist, möchten wir der Autorin das Schlusswort selbst überlassen: „Ich denke auf jeden Fall, dass jede Familie bindungsorientierte Erziehung im Alltag praktizieren kann. Weil es dabei keinen Kriterienkatalog abzuarbeiten gibt, sondern es letztlich vor allem um ein Umdenken geht: weg von der Idee, über Kinder zu bestimmen und zu erwarten, dass sie hören, hin zu einem respektvollen Miteinander, das auf Nähe, Respekt und Vertrauen basiert. Diesen Schritt gehen zu können, wünsche ich allen Eltern und Kindern.“

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