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In der Regel sind Schwangerschaft und Geburt freudige Ereignisse, die man gerne mit seinem Umfeld teilt. Ebenso wie die glückliche gehört jedoch manchmal auch eine traurige Seite dazu, über die leider nur selten gesprochen wird: Viele Frauen erleben in ihrem Leben eine oder mehrere Fehlgeburten. In diesem Artikel erfährst Du, aus welchen Gründen es zu einem Schwangerschaftsverlust kommen kann, wie es danach weitergeht und wie Du einen Weg findest, mit dem Erlebten umzugehen.

Wann spricht man von einer Fehlgeburt?

Von einer Fehlgeburt (medizinisch Abort) ist die Rede, wenn eine Schwangerschaft vorzeitig endet, bevor das Kind lebensfähig ist. Nach medizinischer Definition ist das bis zur 23. Schwangerschaftswoche der Fall. Mehr als die Hälfte der befruchteten Eizellen geht schon vor der sechsten Schwangerschaftswoche ab, meist noch bevor die Schwangerschaft überhaupt festgestellt wird (Frühestabort) und oft unbemerkt. Bei einer Fehlgeburt vor der 13. Schwangerschaftswoche spricht man von einem Frühabort, zwischen der 14. und 23. Schwangerschaftswoche dann von einem Spätabort. Eine Geburt nach diesem Zeitpunkt wird als Frühgeburt bezeichnet, wenn das Kind lebend zur Welt kommt. Wenn es bereits im Mutterleib gestorben ist, handelt es sich um eine Totgeburt.

Das Risiko für eine Fehlgeburt sinkt im Verlauf der Schwangerschaft signifikant, nach der 16. Schwangerschaftswoche beträgt es weniger als fünf Prozent.

Welche Ursachen und Risikofaktoren gibt es?

Es gibt viele mögliche Ursachen, die zu einer Fehlgeburt führen können, darunter die folgenden:

  • Genetische Chromosomenveränderungen des Fetus, die dessen Weiterentwicklung verhindern.

  • Infektionen des Gebärmutterhalses oder der Gebärmutterschleimhaut, die zur vorzeitigen Öffnung des Muttermundes oder Wehentätigkeit führen können.

  • Thrombophilie/Gerinnungsstörungen der Mutter. Diese können zu Blutgerinnseln in der Plazenta führen, wodurch der Fetus nicht ausreichend mit Blut versorgt wird.

  • Autoimmunerkrankungen oder immunologische Störungen zwischen Mutter und Vater, die dafür sorgen, dass vermehrt Antikörper gebildet werden und der Körper den Fetus abstößt.

  • Störungen im Hormonhaushalt der Mutter, zum Beispiel:

    • (Unerkannte) Schilddrüsenerkrankungen, die eine frühkindliche Entwicklungsstörung verursachen und eine Fehlgeburt hervorrufen können.

    • Diabetes: Nicht nur Schwangerschaftsdiabetes, auch eine vorher bekannte Diabeteserkrankung vom Typ I und II können die Versorgung des Fetus behindern.

    • Gelbkörperschwäche: Bildet der Körper in den ersten 12 Schwangerschaftswochen nicht ausreichend Gelbkörperhormone, kann es zu Blutungen und einem Verlust der Schwangerschaft kommen.

  • Anatomische Besonderheiten der Gebärmutter wie eine Gebärmutterschwäche. Die Wahrscheinlichkeit für eine Gebärmutterschwäche steigt bei vorangegangenen Fehlgeburten oder wenn eine Operation des Gebärmutterhalses stattgefunden hat. In selten Fällen können auch Myome (gutartige Tumore in der Gebärmutter) oder eine verengte Gebärmutterhöhle eine Fehlgeburt begünstigen.

  • Blutarmut, die zur Unterversorgung des Kindes mit Sauerstoff führen kann.

  • Fieberhafte Infekte, die wehenähnliche Kontraktionen der Gebärmutter anregen können.

  • Erbgutdefekte von Mutter oder Vater.

  • Rauchen, Alkohol und Drogen können zu Fehlbildungen des Fetus führen und so Fehlgeburten begünstigen.

  • Bestimmte ärztliche Untersuchungen: Strahlung (zum Beispiel durch Computertomographie oder Röntgen), bestimmte Medikamente oder Impfungen mit Lebendimpfstoffen, Narkose der Mutter, bestimmte Untersuchungen zur Erkennung von Fehlbildungen (etwa Fruchtwasseruntersuchung oder Untersuchung des Mutterkuchens, bei denen es in weniger als einem Prozent der Fälle zu einem vorzeitigen Blasensprung kommen kann).

  • Massiver oder chronischer Stress, durch den Stresshormone ausgeschüttet werden und die im schlimmsten Fall zu einer Fehlgeburt führen können. Kurzzeitiger oder geringfügiger Stress hingegen hat keinen Einfluss auf den Verlauf der Schwangerschaft. Mach Dir also keine Gedanken, wenn Du zwischendurch den ein oder anderen stressigen Tag hast.

  • Unfälle oder schwere traumatische Erlebnisse, die in Einzelfällen Fehlgeburten verursachen.

Was sind Anzeichen und Symptome für eine Fehlgeburt?

Die häufigsten Anzeichen auf einen Schwangerschaftsverlust sind plötzliche, starke Blutungen aus der Vagina und Wehen oder wehenartige Krämpfe. Eine weitere Begleiterscheinung kann das Ausbleiben typischer Schwangerschaftsanzeichen sein. Wenn der Körper aufhört, Schwangerschaftshormone zu produzieren, bleiben Symptome wie Brustspannen oder morgendliche Übelkeit schnell aus. In der Frühschwangerschaft kann das auf eine Fehlgeburt hinweisen. Nach der 12. Schwangerschaftswoche lassen diese Symptome allerdings meist von ganz allein nach – ihr Ausbleiben muss also nicht zwangsläufig durch eine Fehlgeburt hervorgerufen werden. Seltenere Anzeichen für eine Fehlgeburt sind Fieber oder eitriger Ausfluss. Nach der 20. Schwangerschaftswoche kann auch das Ausbleiben von zuvor deutlich spürbaren Kindsbewegungen auf eine Fehlgeburt hindeuten.

Wenn Du eines dieser Symptome bei Dir entdeckst oder aus anderen Gründen der Verdacht auf eine Fehlgeburt besteht, solltest Du Dich umgehend an Deine Frauenärztin/Deinen Frauenarzt wenden oder in die Notaufnahme gehen. Einige Fehlgeburten verlaufen auch ganz ohne Blutungen oder Wehen (verhaltener Abort) und sind deshalb von außen nicht direkt erkennbar. Deine Ärztin/Dein Arzt wird dann vermutlich verschiedene Untersuchungen durchführen. Mit einer vaginalen Untersuchung des Gebärmutterhalses versucht sie/er herauszufinden, ob der Muttermund geöffnet ist. Auch ein Ultraschall kann sinnvoll sein. Dabei lassen sich beispielsweise Hämatome an der Plazenta und eine beginnende Verkürzung des Gebärmutterhalses erkennen, die auf eine drohende Frühgeburt hinweisen können. Ab der sechsten oder siebten Woche gibt auch das Erkennen des Herzschlags beim Ultraschall Auskunft darüber, ob das Kind im Mutterleib noch lebt. Liefert auch der Ultraschall kein eindeutiges Ergebnis, kann eine Laboruntersuchung des Blutes zur Bestimmung des Schwangerschaftshormons ß-hCG Klarheit verschaffen. Ein fehlender Anstieg oder gar Abfall des Hormonwerts deuten auf eine Fehlgeburt hin.

Wie sieht die Behandlung nach einer Fehlgeburt aus?

Man unterscheidet verschiedene Formen der Fehlgeburt, die die weitere Behandlung beeinflussen:

Unvollständiger oder vollständiger Abort

Dabei werden der Fetus, die Eihäute und die Plazenta teilweise oder vollständig ausgestoßen. Im Fall, dass noch Gewebereste in der Gebärmutter verbleiben, wird häufig eine Ausschabung (Kürretage) unter Voll- oder Teilnarkose durchgeführt, um Blutungen und Infektionen zu vermeiden.

Beginnende Fehlgeburt

Hiervon ist die Rede, wenn die bevorstehende Fehlgeburt bereits früh festgestellt wird, durch den geöffneten Muttermund jedoch nicht mehr zu verhindern ist. Meist wird zunächst abgewartet, ob der Körper das Gewebe von allein abstößt.

Verhaltener Abort (missed abortion) oder Windei

Bei einem verhaltenen Abort sind zunächst keine äußeren Symptome wie Blutungen oder Schmerzen bemerkbar, es wird kein Gewebe ausgestoßen und der Muttermund bleibt verschlossen, trotz fehlender Herzaktivität des Kindes. Diese Form der Fehlgeburt wird meist bei der Ultraschalluntersuchung festgestellt, wenn der Fetus keine Lebenszeichen mehr zeigt.

Von einem Windei spricht man, wenn sich eine Fruchtblase ohne Kind darin entwickelt hat. Auch ein Windei ist erst bei der Ultraschalluntersuchung sichtbar. Wenn der Körper das Schwangerschaftsgewebe nicht von allein abstößt, werden meist Medikamente gegeben, die den Gebärmutterhals lockern und die Gebärmuttermuskulatur anregen. Wenn das nicht passiert, kann eine Ausschabung der Gebärmutter (Kürettage) notwendig sein.

Solange keine medizinische Notwendigkeit besteht, hast Du bei einer Fehlgeburt die Möglichkeit, zwischen einer Ausschabung oder dem Abwarten zum natürlichen Abgang zu wählen. Manchen Müttern hilft es, dass ihnen das Abwarten einige Tage Zeit zum Abschiednehmen gibt, andere möchten das nicht. Egal wofür Du Dich entscheidest: Nach einer Fehlgeburt hast Du immer das Recht auf Betreuung und Nachsorge durch eine Hebamme und auf Rückbildungsgymnastik. Bei einem Geburtsgewicht über 500 Gramm steht Dir zusätzlich die Freistellung von der Arbeit für acht Wochen sowie der gesetzliche Mutterschutz von sechs Wochen zu, falls Du davon noch keinen Gebrauch gemacht hast.

Auch wenn sich einige Betroffene eine Antwort auf die Frage nach dem „Warum?“ wünschen würden, ein eindeutiger Grund für eine Fehlgeburt lässt sich nicht immer benennen. Grundsätzlich ist eine erneute Schwangerschaft nach einer Fehlgeburt möglich. Außerdem besteht ein großes medizinische Angebot an Therapie- und Diagnostikmöglichkeiten. Gerade bei wiederholten Fehlgeburten können bestimmte Risikofaktoren gezielt getestet und behandelt werden, um die Wahrscheinlichkeit für eine weitere Fehlgeburt bei einer erneuten Schwangerschaft zu senken. Lass Dich dazu in jedem Fall von Deiner Frauenärztin/Deinem Frauenarzt beraten.

Wie geht es nach einer Fehlgeburt weiter und wie kann ich lernen, mit dem Ereignis umzugehen?

Statistisch gesehen sind 15 bis 20 Prozent aller Frauen von einer Fehlgeburt betroffen. Obwohl ein Schwangerschaftsverlust also häufig vorkommt, wird nur selten (öffentlich) darüber gesprochen. Gründe dafür können die Scham der betroffenen Eltern, Überforderung ihres Umfelds, Ärztinnen/Ärzte, die zur vorsichtigen Kommunikation raten oder die Gepflogenheit, eine Schwangerschaft erst nach der 12. Woche zu verkünden, sein.

Viele Frauen fühlen sich schuldig oder haben das Gefühl, ihr Körper hätte versagt. Dabei ist eine Fehlgeburt nur sehr selten auf ein Fehlverhalten der Mutter zurückzuführen, sie hat nur in den allerwenigsten Fällen einen Einfluss auf den Erhalt der Schwangerschaft. Mach Dir das bewusst, wenn Du eine Fehlgeburt hinter Dir hast und Dich solche Gefühle belasten. Ein ebenso großes Gefühl ist Traurigkeit darüber, dass Dein Kind gegangen ist. Diese Trauer solltest Du Dir in keinem Fall absprechen, sie ist wichtig und kann sogar helfen, mit dem Verlust umzugehen. Wenn Du möchtest, sprich darüber mit Deiner Partnerin/Deinem Partner, mit Familie oder Freunden. Auch eine Gesprächstherapie oder Selbsthilfegruppen (Familienberatungsstellen von proFamilia oder donum vitae bieten in jeder größeren Stadt Beratung an) empfinden manche betroffenen Mütter und Väter als hilfreich, um das Erlebte zu bewältigen und ihre Gefühle aktiv zu verarbeiten. Andere Eltern empfinden es als tröstend, eine Trauerfeier für ihr Kind auszurichten oder ihm einen offiziellen Namen zu geben. Zwar unterliegen Fehlgeburten in Deutschland nicht der Meldepflicht, Du kannst Dein Kind aber trotzdem beim Standesamt registrieren und seinen Namen eintragen lassen, wenn Du das möchtest.

Wenn Du selbst den Verlust einer Schwangerschaft erlitten hast, kann es sein, dass Du das Gefühl hast, dass Deine Partnerin/Dein Partner oder andere Dir nahestehende Personen nicht genauso stark trauern wie Du. Dieses Gefühl kann daherkommen, dass Du die Schwangerschaft wahrscheinlich schon aktiv gespürt und eine andere Verbindung zu Deinem Kind aufgebaut hast, als es anderen möglich war. Wenn Deine Partnerin/Dein Partner also anders trauert als Du, ist das nichts Ungewöhnliches. Versucht, Verständnis für die Gefühle des jeweils anderen zu haben und füreinander da zu sein. Aktiv über das Erlebte und darüber, was euch jetzt guttut, zu sprechen, hilft, mit der Situation umzugehen.

LILLYDOO Hebamme Sissi betreut immer wieder Frauen, die eine Fehlgeburt erlebt haben. Im Video teilt sie Wissenswertes speziell zu frühen Fehlgeburten, ein Thema, das ihr als Hebamme sehr am Herzen liegt.

Auch wenn Fehlgeburten ein sehr sensibles Thema sind, tut es Sissis Erfahrung nach vielen Frauen gut, über ihr Erlebnis zu sprechen und zu merken, dass sie nicht allein damit sind. Das offene Gespräch über Fehlgeburten trägt dazu bei, Stigmata abzubauen und für die Häufigkeit von Schwangerschaftsverlust zu sensibilisieren. Natürlich bleibt es aber allein Dir überlassen, ob und mit wem Du das Erlebte teilen möchtest. Wir wünschen Dir viel Kraft dabei.

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